Tag Archive: Michael Brzoska


Ein kleiner Bericht über die Festveranstaltung in der Universität Hamburg

Das Hauptgebäude der Universität Hamburg

Es war eine Sternstunde der Erinnerung an Carl Friedrich von Weizsäcker, Physiker, Philosoph und Friedensforscher. Zu Ehren  seines 100. Geburtstages versammelte sich in der Hamburger Universität eine Festgemeinde, um sein Andenken zu ehren und sich seiner zu erinnern. Eingeladen hatten gleich mehrere: die „Udo Keller Stiftung Forum Humanum“ mit Sitz in Neversdorf, zwischen Hamburg und Bad Segeberg gelegen, die den Nachlass von Carl Friedrich von Weizsäcker beherbergt; die Universität Hamburg, seine langjährige Lehr- und Wirkungsstätte;  das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik aus Hamburg, dessen erster Direktor Weizsäcker hätte vor vierzig Jahren werden sollen sowie das „Carl Friedrich von Weizsäcker Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung“, ZNF, aus Hamburg – alle auf jeweils besonders Weise mit dem Namen und Wirken von Weizsäckers verknüpft und verbunden.

 

Dieter Lenzen

Dieter Lenzen, Präsident der Hamburger Universität, eröffnete die Veranstaltung mit einem Grußwort, in dem er darauf hinwies, dass Weizsäcker mit seiner programmatischen Verbindung von Wissenschaft, Religion und Politik heute als Visionär und Wegbereiter des interdisziplinären und interkulturellen Dialogs gilt. Die Universität Hamburg war die letzte universitäre Wirkungsstätte Weizsäckers und ist gerade in diesem Zusammenhang seinem Erbe verpflichtet und den Fragen nach der Aktualität seines Denkens heute. „An welche Aspekte der Arbeit Carl Friedrich von Weizsäckers ließe sich für die Lösung unserer drängenden Gegenwarts- und Zukunftsfragen anknüpfen?“, fragte Lenzen.

 

Julian Nida-Rümelin

Als Festredner hatten die Veranstalter Julian Nida-Rümelin gewonnen. Er lehrt als Professor für Philosophie an der Ludwig-Maximilians Universität München und ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden als Kulturstaatsminister bis 2002 im ersten Kabinett Gerhard Schröder.

 

Nida-Rümelin und Carl Friedrich von Weizsäcker – beide verbindet, sowohl ein Physik- als auch ein Philosophiestudium absolviert zu haben, also in beiden Wissenschaften zuhause zu sein. Das Leitmotiv Carl Friedrich von Weizsäckers: Wissenschaft trage die Verantwortung für ihre eigenen Ergebnisse, auch wenn deren Folgen nicht gewollt oder absehbar sind, machte sich Nida-Rümelin allerdings nicht zum Gegenstand seines Vortrages.

Auch der Sohn Weizsäckers, Ernst Ulrich von Weizsäcker, war gekommen

Er sprach zwar zum Thema: „Zum Ethos wissenschaftlicher Verantwortung“, machte sich aber auf seine Weise auf den Weg, das Gestern und Heute zu verknüpfen. In seinem frei gehaltenen Vortrag gab er einen Abriss zur Wissenschafts- und Philosophiegeschichte in ihrer komplexen Entwicklung zwischen Ausbildungsfunktion, Bildungsfunktion, Lehre und Forschung durch die Jahrhunderte, insbesondere vor dem Hintergrund seiner Spezialgebiete Ethik, Entscheidungs- und Rationalitätstheorie sowie Demokratietheorie in der heutigen Zeit.

 

Cai Werntgen, Vorsitzender und Geschäftsführer der Udo-Keller-Stiftung, sprach ein Grußwort

Im Rahmen seiner Demokratietheorie geht Nida-Rümelin davon aus, dass die Demokratie nicht ohne einen normativen Grundkonsens auskommt, der  im Hinblick auf eine globale Zivilgesellschaft aber hinreichend neutral sein  müsse, um mit einer Vielfalt unterschiedlicher Lebensformen und kultureller Prägungen vereinbar zu sein. Der besteht unter anderem darin, auf die individuelle Optimierung der eigenen Interessen zu verzichten und eine gemeinsame Strategie festzulegen, Kooperation zu fördern. Ist dies in der herrschenden Strukturierung der Universitäten als Bildungsziel angelegt?

 

Nida-Rümelin äußerte sich besorgt darüber, dass der universitäre Betrieb immer mehr verschule und die Studierenden quasi nahtlos aus dem festen Stundenplan der Schule in den festen Stundenplan der Universität führe, unselbständige Erwachsene produziere. Das habe mit studieren nichts mehr zu tun. Wer nur noch damit beschäftigt sei, seine „Credit Points“, Leistungspunkte, zu optimieren und nicht mehr dazu komme, ein Buch zu lesen, sei mit einer Universität konfrontiert, die angepasste Persönlichkeiten fördere und nicht das selbstständige Denken.

 

Michael Brzoska, Direktor des Institutes für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg

Ein Plus für die Demokratie des ständigen gegenseitigen Dialoges? Wohl eher nicht. Die Zuhörer wurden mit solchen und anderen Fragen nachdenklich nach Hause geschickt. Nida-Rümelins Frage: „Hätte ein Einstein heute an einer unserer Universitäten die Chance, eine Professur zu bekommen?“, erntete im Publikum vielfaches Lachen und deutlich vernehmbar: nein!

 

Vordenker scheinen erforderlich zu sein. Möglichkeiten, das Denken zu lernen und zu pflegen sind dafür unabdingbar. Interpretiert man Nida-Rümelin richtig, dann klagt er den Ort der Universität als Ort genau dafür ein. Hier schlösse sich dann sicherlich der Kreis zu Carl Friedrich von Weizsäcker, dem allenthalben für sein Wirken in Deutschlang bescheinigt wird, ein Vordenker für so etwas wie eine demokratische „Weltinnenpolitik“ gewesen zu sein.

 

Udo Keller Stiftung: http://www.forum-humanum.org/index.php?sub=cfvw&seite=bibliothekcfvw

 

Zentrum für Naturwissenschaft und Friedensforschung: http://www.znf.uni-hamburg.de/index.html

 

Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik: www.ifsh.de/

 

Universität Hamburg: www.uni-hamburg.de

 

Maximilians Universität München, Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft: http://www.philosophie.lmu.de/

 

 

 

 

 

 

ein Bericht über den Senatempfang in der Staats-und Universitätsbibliothek Hamburg

 

Professor Michael Brzoska, Egon Bahr, Dorothee Stapelfeldt

Michael Brzoska, Egon Bahr, Dorothee Stapelfeldt

Frieden war das Thema, denn der Jubilar hieß Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik ( IFSH) an der Universität Hamburg – bestehend seit 40 Jahren.

„Wenn wir den ewigen Frieden miteinander definieren wollten, ginge das schnell an einem Nachmittag zu bewältigen. Allerdings, je näher wir der Wirklichkeit kommen, umso schwieriger wird es!“ Als Egon Bahr – Architekt der historischen Ostverträge –  diese Worte auf dem Podium sprach, hatten Ehrengäste und Publikum der Jubiläumsfeier in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg schon einiges an Reden gehört und verarbeitet.

 

Siegfried Stiehl

Siegfried Stiehl

Diese 40 Jahre IFSH würdigte der Senat mit einem Empfang und die Zweite Bürgermeisterin, Dr. Dorothee Stapelfeldt, begrüßte die Gäste. Sie würdigte die Arbeit des IFSH: „Die Stadt Hamburg kann stolz auf das Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik sein. Als eine der renommiertesten Friedensforschungseinrichtungen Deutschlands profitiert nicht nur Hamburg von der Verbindung zwischen Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis, von der Internationalität sowie der Interdisziplinarität, von Forschung, Lehrtätigkeit und Politikberatung.“ Professor H. Siegfried Stiehl, Vizepräsident der Universität Hamburg, sprach ebenfalls ein Grußwort.

Der wissenschaftliche Direktor des Institutes, Professor Dr. Michael Brzoska erläuterte in seiner Rede unter anderem  die Arbeit und Schwerpunkte des Institutes heute: „In diesem Jahr, in dem das IFSH seinen 40. Geburtstag feiert, haben wir ein knappes Dutzend Tagungen und Workshops organisiert, die überwiegende Zahl mit starker internationaler Beteiligung.“

 

Bereits seit 1971 erforscht das IFSH zielstrebig und mit großem Erfolg Strategien zur Konfliktlösung, Friedenswahrung und Gewaltprävention mit Blick auf Handlungsoptionen der Bundesrepublik Deutschland. Das IFSH wurde über die Jahre zu einer der renommiertesten internationalen Einrichtungen der Friedensforschung und ist als Mitherausgeber des Friedensgutachtens sowie Herausgeber des OSZE-Jahrbuchs über die Grenzen Hamburgs bekannt.

 

Detlef Bald

Detlef Bald

Der Historiker und Publizist Dr. Detlef Bald hatte es übernommen, den Festvortrag zu halten und zeigte darin die Geschichte des Institutes auf: von den Anfängen unter Wolf Graf Baudissin bis heute. Bald kennt und begleitet das Institut seit seiner Gründung.

 

Schließlich diskutierten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen eines Podiums, moderiert von NDR Redakteur Andreas Flocken, in welchem Spannungsfeld Friedensforschung und Sicherheitspolitik sich seit 40 Jahren bewegen: Winfried Nachtwei, früherer Bundestagsabgeordneter; Alyson  J.K. Bailes, University on Iceland and College of Europe; Egon Bahr, Bundesminister a.D. und  Direktor des IFSH von 1984-1994 und Dr. Regine Mehl, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung.

Das Podium

Das Podium

 

Einige Stichworte und Fragen mögen die breite Palette der kontrovers angesprochenen Themen umreißen: Wie wirkt Friedensforschung auf die Politik ein? Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang der Begriff der Beratungsresistenz und ist die Politik überhaupt an substanziellen Forschungsergebnissen aus der Wissenschaft interessiert? Sollte Friedensforschung nicht auch immer mehr mit ihren Ergebnissen von der Gesellschaft verstanden werden?

 

Egon Bahn

Egon Bahr und Regine Mehl

Besonders Egon Bahr wies darauf hin, dass es auch in der Politik so etwas wie einen mainstream gäbe, von dem auch die Forschung nicht frei sei, ein „Mitsegeln auf politischen Moden“. Egon Bahr: „Hat die Friedensforschung denn etwas zu Themen zu sagen, die nicht in der Zeitung stehen, die zukunftsweisend sind?“ Von Moderator Andreas Flocken danach befragt, was für ein Thema dieser Art ihm denn vorschwebe, antwortete Egon Bahr spontan: „Das Internet.“ Diese Gesellschaft werde immer mehr auch durch ein globales Internet bestimmt, dessen Regeln aber noch weit davon entfernt seien, eine globale Beachtung  in den politische Gremien gefunden zu haben – eine Gedanke, der vielleicht in der Zukunft noch intensive Forschungsvorhaben initiieren könnte.